Matthäusgemeinde Mannheim

EVANGELISCHE MATTHÄUSGEMEINDE Mannheim Neckarau

Pfrin Regina Bauer zu Passionszeit und Osterfreude

Liebe Leserinnen und Leser!

Die Krokusse blühen, ich hänge den Wintermantel in den Schrank, und an den Magnolien sind große Knospen zu entdecken. Die ersten sonnigen Tage machen es deutlich: Es wird Frühling. Die karge Natur erwacht und zeigt durch ein buntes Blumenkleid, wie viel Leben in ihr steckt. Das ist ein Grund zur Freude!

Ist das die Osterfreude?

Eine Antwort auf diese Frage will ich auf einem Umweg geben: Ich glaube, es ist erst möglich, die Freude über Ostern zu spüren, wenn ich mich dem Kreuz aussetze.

Wenn ich meinen Blick auf das richte, was dem Leben entgegensteht, was quält und schwer auszuhalten ist, dann stelle ich mich unter das Kreuz.

Mit fallen dazu drei Beispiele ein:

Wenn ich die momentane Berichterstattung zum Brexit und die Diskussion um die Sinnhaftigkeit der Europäischen Union betrachte, beschleicht mich ein lähmendes Gefühl, denn sehr häufig geht es darum, was das einzelne Land von der Gemeinschaft hat, welcher Vorteil sich für das jeweilige Land aus der Mitgliedschaft ergibt. Der eigene Vorteil steht im Mittelpunkt, und darum wird in der Gemeinschaft gerungen bis fast zum vollständigen Stillstand. Aber geht es in Europa nicht vielmehr auch um Werte und Gedanken, die verbinden und wertvoll sind, vielleicht sogar kostbar und unverzichtbar? Wie zum Beispiel der Satz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, oder die sich aus den Menschenrechten ergebende Hinwendung zu den Schwachen?

Zweitens: Auch die Kirche als Gemeinschaft, als Institution wird von vielen Menschen so kritisch gesehen, dass sie sich fragen, ob es sich lohnt, in dieser Gemeinschaft zu bleiben. Manche Ehrenamtliche und Hauptberufliche sind sehr beunruhigt über die sinkenden Mitgliederzahlen und beschäftigen sich eingehend damit – man könnte fast sagen, so eingehend, dass die Sorge darum im Zentrum ihres Denkens und Handelns steht. Dies engt den Blick ein und fordert Kraft, so dass sich Lähmendes einschleicht. So wird die befreiende und ermutigende Kraft des Evangeliums weniger spürbar.

Zuletzt: Vielleicht kennen Sie auch ganz persönlich das Gefühl der Lähmung, die sich zum Beispiel aus der Angst speist; einer Angst, die nicht immer Gründe hat, sondern manchmal auch einfach da ist: die Angst vor morgen, dem nächsten Arbeitstag, der nächsten Begegnung mit einem Menschen oder vor der leeren Wohnung nach einem anstrengenden Tag. Dann kreisen die Gedanken darum: Wie kann ich wieder in die Gänge kommen, wie kann ich meine Lähmung abschütteln und wieder lebendiger werden?

Gelähmt, ratlos waren die Freunde Jesu unterwegs, als sie wenige Tage nach seiner Kreuzigung auf dem Weg in ihr Heimatdorf Emmaus waren. Fast unbemerkt kam einer hinzu, der Fragen stellte, so dass sie ihre Müdigkeit, ihre Trauer und ihre Ohnmacht aussprechen konnten. Es kam einer dazu, der mit ihnen einen Weg ging vom lähmenden Tod in das Leben in Gemeinschaft. Mit offenen Ohren und Geduld ging er Schritt für Schritt mit ihnen. Er war gezeichnet von dem, was dem Leben entgegensteht, und vertraute auf die Kraft, die auch noch im Tod da ist und neues Leben schenkt. Jesus Christus, ihr Wegbegleiter, öffnete ihnen Augen und Ohren für die Hoffnung, die weiter reicht als wir sehen können, und sie begannen, darauf zu vertrauen.

Nun gab es Grund zur Freude, erst langsam und vorsichtig, dann breitete sich die Freude über Ostern aus, und sie bewegte Kopf, Herz und Körper.

Ostern geschieht gerade dann, wenn wir miteinander sprechen über das, was lähmt, im Vertrauen darauf, dass jemand da ist, der uns mit seiner Hoffnung berührt und unser Leben verwandelt.

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete restliche Passionszeit und ein Osterfest, das Lähmung in Hoffnung und Leben verwandelt.

Ihre Pfarrerin Regina Bauer