Matthäusgemeinde Mannheim

EVANGELISCHE MATTHÄUSGEMEINDE Mannheim Neckarau

Verantwortung in der Pandemie: Verzicht auf Präsenzgottesdienste im Januar - Kirche geöffnet

Gedanken zum Jahresende 2020
Tobias Hanel

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„Es ist alles ganz eitel.“ (Prediger 1,2)
Was im Ersten Testament als Wort des Predigers Salomo überliefert ist, gilt bis heute. Denn was Martin Luther mit „eitel“ übersetzte, hat im Hebräischen die Bedeutung „vergänglich“, „Windhauch“. Mit anderen Worten: Alles geht vorbei. Auch Krisen. Aber auch Gutes und Schönes bleibt nicht für immer.
Was folgt daraus aus der Sicht des Glaubens, am Ende dieses besonderen Jahres 2020? Damit beschäftigen sich die folgenden Gedanken.

Das Jahr 2020 ist vor allem geprägt gewesen durch die Covid 19-Pandemie. Viele unterschiedliche Überlegungen sind durch öffentliche und Privatpersonen, durch Prominente und „normale“, aber nicht weniger kluge Menschen formuliert worden, bestimmt auch in unserem persönlichen Umfeld. Darunter waren und sind etliche sinnvolle und weiterführende Gedanken, die ich an dieser Stelle nicht in ihrer ganzen Breite wiederholen möchte. Meine Betrachtungsweise konzentriert sich auf den oben genannten Grundgedanken, dass alles vorbeigeht. 

Das Coronavirus hat für viele Menschen Veränderungen gebracht. Dabei ist eine große Spannbreite zu beobachten: Von massiven Einschränkungen, körperlichen und psychischen Überlastungen, Erkrankungen und Todesfällen auf der einen Seite bis hin zu viel freier Zeit mit der Familie, Ruhe und Stressfreiheit auf der anderen Seite haben Menschen weltweit alles erlebt. Betagte Menschen vereinsamten, sind ohne Beistand gestorben. Patienten im Krankenhaus konnten nicht besucht werden. Menschen in Pflegeberufen wurden über die Grenzen ihrer Belastbarkeit hinaus beansprucht. Andere berufliche Existenzen sind gefährdet – mit den entsprechenden wirtschaftlichen und psychischen Auswirkungen. Familien haben sich zerstritten, es kam zu häuslicher Gewalt. Ohnmacht und Ratlosigkeit griffen um sich und mündeten in Verschwörungstheorien und die so genannte „Querdenken“-Bewegung. Weitere Verunsicherung sowie Aggressivität bei Befürwortern und Gegnern waren die Folge. Gemeinschaften, privat und in Vereinen, konnten und können nicht gepflegt werden. Auch in der Matthäusgemeinde haben viele Menschen die Gemeinschaft vermisst, sei es in der Karwoche bzw. an Ostern, sei es mit Blick auf das Gemeindefest, sei es an Weihnachten.
Dem gegenüber steht eine Vielzahl an positiven Erfahrungen. Auch dies darf nicht vergessen werden. Die Lockdowns und Ausgangsbeschränkungen haben u.a. dazu geführt, dass Menschen, die in abgesicherten wirtschaftlichen Verhältnissen leben, mehr Ruhe gefunden haben. Die Arbeit im Homeoffice hat einigen Arbeitnehmer*innen eine größere Flexibilität gebracht. Viele konnten Dinge erledigen, die zuvor aus Zeitmangel liegengeblieben waren. Eine ungeahnte Welle aus Solidarität, Mitmenschlichkeit und Kreativität ist in vielen Umgebungen entstanden. Das möchte ich deutlich hervorheben, denn das ist ein Anlass für Dankbarkeit. Und zuletzt hat die Hoffnung, dass sich das Leben durch den Impfstoff in absehbarer Zeit einigermaßen normalisieren wird, vielen Menschen die Zuversicht gebracht, dass auch diese Krise – zumindest in ihren härtesten Auswirkungen – vorbeigehen wird. 

Wir haben in der Matthäusgemeinde immer betont, dass die Corona-Pandemie keine Strafe Gottes ist. In radikalen und fundamentalistischen Kreisen wird dies propagiert. Aber das entspricht nicht der Gottesvorstellung, die wir in der evangelischen Kirche haben.
Wir haben uns vielmehr mit der bedrückenden Beobachtung auseinanderzusetzen, dass Gott solch zerstörerische Kräfte wie z.B. das Coronavirus nicht sofort und automatisch verhindert und ihnen nicht von vorne herein Einhalt gebietet. Das ist eine Anfrage an Gottes Allmacht und ein starkes Argument für viele Atheisten. Unsere Antwort auf diese bedrückende und bedrängende Frage kann sich an Dietrich Bonhoeffer orientieren, von dem der Satz stammt: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.“ Das heißt, Gottes Allmacht besteht nicht darin, dass er den Lauf der Welt lenkt wie ein Computerspieler sein Computerspiel. Vielmehr ist Gottes Allmacht die Macht, auch aus Leid und Not Neues und Gutes entstehen zu lassen. Gott geht in die Ohnmacht, in das Leid, in die Not hinein, um diese von innen her zu verwandeln. Das christliche Beispiel schlechthin für diese Art des Wirkens Gottes ist das Leben, der Tod und die Überwindung des Todes in Jesus Christus. Gott nimmt an Weihnachten in Jesus Christus menschliche Gestalt an. Er lebt ein Menschenleben. Er stirbt unseren menschlichen Tod. Mit anderen Worten, in Gestalt von Jesus Christus erleidet Gott das Leid der Welt. Und er verwandelt und überwindet dieses Leid an Ostern. Der christliche Gott ist also leidensfähig. Seine Allmacht ist in der Ohnmacht von Krippe und Kreuz verborgen. Aber dort ist sie auch zu entdecken – eben als die Macht, die aus Leid und Not Neues und Gutes entstehen lässt. Warum Gott diesen Weg geht, darauf werden wir in diesem Leben keine endgültige Antwort erhalten. Dass Gott aber diesen Weg geht, dessen können wir gewiss sein. Und dass Gott gerade im Leid und in der Not anwesend ist, das ist ein ungemein tröstlicher Gedanke.

Die Kraft, die uns hilft, mit der gegenwärtigen Krise (und im Prinzip mit allen Krisen) umzugehen, ist Gottes Geist der Zuversicht, der Zuwendung, der Mitmenschlichkeit. Dieser Geist ist kein geheimnisvolles, ungreifbares, metaphysisches Etwas. Nein, Gottes Geist ist real erfahrbar und konkret lebbar.

Was folgt nun aus diesen Überlegungen?
Als Christinnen und Christen können wir in diesem Geist fühlen, denken, reden und handeln. In diesem Geist können wir uns vor Augen halten, dass alles vorbei geht. Auch Krisen. Übrigens auch Regierungszeiten von manchen Staatslenkern.
Das Jahr 2021 wird uns hoffentlich ein Ende der Coronakrise bringen. Dieses Ende der Coronakrise wird mit Sicherheit nicht so aussehen, dass danach alles so sein wird wie vorher. Keine Krise endet so, dass hinterher alles genauso ist wie vorher. Aber es gibt die berechtigte Hoffnung, dass zumindest die härtesten Auswirkungen der Pandemie überwunden werden können. Gottes Geist der Zuversicht, der Zuwendung und der Mitmenschlichkeit kann uns helfen, Krisen auszuhalten: Nicht in einer falschen Schicksalsergebenheit, sondern in der Zuversicht, dass Gottes Macht aus Leid und Not Gutes und Neues entstehen lassen wird.

Ich habe oben bereits betont, dass leider auch Schönes vorbeigeht. Gottes Geist macht uns – ganz real und konkret – fähig, das Schöne, das uns widerfährt, (1) überhaupt wahrzunehmen und (2) dafür dankbar zu sein. Es ist immer wieder eine hilfreiche Übung, sich am Abend eines Tages drei Dinge zu überlegen, die heute schön waren. Das kann auch etwas Unspektakuläres sein, z.B. dass man heute einigermaßen schmerzfrei durch den Tag gekommen ist. Oftmals sind scheinbare Selbstverständlichkeiten in Wirklichkeit Anlässe, um dankbar zu sein. Und so ist auch die Aussage zu hinterfragen: „Das Jahr 2020 war ein schlimmes Jahr. Ich hake es am besten ab und lege es zu den Akten.“ Natürlich ist es gut, das Negative des zu Ende gehenden Jahres abzuhaken und positiv nach vorne zu blicken. Aber es gilt auch zu entdecken, was das Jahr an Gutem, an Positivem, an Schönem gebracht hat. Können Sie das entdecken, wahrnehmen, dafür dankbar sein? Ich wünsche es Ihnen. Vielleicht hat die Zeit der Pandemie Ihnen auch bewusst gemacht, was Sie an Positivem mit in die Zukunft nehmen, bzw. was Sie getrost sein lassen können und was Sie in Zukunft anders machen wollen.

Gottes Geist der Zuwendung macht uns fähig, uns Gott zuzuwenden. Denn er hat sich an Weihnachten uns zugewandt.
Gottes Geist der Zuwendung hilft uns, dass wir uns uns selbst zuwenden können. So können wir uns die Zeit nehmen, Dinge zu entdecken und umzusetzen, die uns gut tun. Selbstfürsorge ist not-wendig im Sinne von „Not (ab-)wendend“.
Gottes Geist der Zuwendung gibt uns die Kraft, uns liebend, verzeihend, barmherzig, tröstend unseren Mitmenschen zuzuwenden. Denn Gottes Menschenfreundlichkeit und Mitmenschlichkeit hilft uns, das weihnachtliche Motto umzusetzen: „Mach’s wie Gott. Werde Mensch.“ 

Alles geht vorbei. Im Hinblick auf Schweres ist dies ein Trost. Im Hinblick auf Schönes ist es ein Anlass, um mit viel mehr Dankbarkeit die guten Momente zu entdecken, sensibel wahrzunehmen und im Herzen zu bewahren. Zum Besten für uns selbst und für andere. Als Wegzehrung für die kommende Zeit. Ganz konkret und real.

Das Gedicht „Von guten Mächten“ von Dietrich Bonhoeffer hat nichts von seiner tröstenden, ja heilsamen Kraft verloren und kann uns auch am Übergang ins Jahr 2021 begleiten:

1. Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr. 

2. Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das du uns geschaffen hast.

5. Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht. 

7. Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.